Der Stadtsensor (dS): Was bedeutet Sensorik für Dich?

 

Sylvan Müller(SM): Ich arbeite bewusst mit mehreren Sinnen. Obwohl ich Fotograf bin, interessieren mich Ohren und die Nase fast mehr als das Auge. Ganz viele Erinnerungen bauen sich über den Geschmack, Geruch und oder Ton auf. Was meine Erinnerungen anbelangt bin ich selber eigentlich kein visueller Mensch. Dies habe ich schon sehr früh in meiner Kindheit festgestellt. Hier entstand auch mein Interesse und die Verbindung zur Kulinarik. Mir erzählen Töne und Gerüche viel mehr als die visuelle Wahrnehmung. Dennoch ist es mir ein grosses Interesse, diese Erinnerungen und Erfahrungen zu visualisieren, ihnen ein Bild zu geben.

 

dS: Du warst lange Zeit und wiederholt in Japan. Wie realisiertest Du in diesem Land Deinen Anspruch? Wie handhabtest Du in diesem Land Deinen sensorischen Zugang

 

SM: Gerade Japan steht beispielhaft für mein Schaffen und Handeln. So habe ich zum Beispiel Tokyo als sehr ruhige Stadt empfunden. Das hatte wahrscheinlich damit zu tun, dass ich nichts lesen konnte und so keine Anstrengung erfuhr.Mein sensorischer Fokus lag auch da auf Geräuschen und Gerüchen.  Es gab zwar eine Geräuschkulisse - wenn auch eine sehr undefinierte. In Folge dessen war ich selbst recht ruhig. Wie bereits erwähnt, läuft es bei mir auf eine Visualisierung eines Geruches oder Tones hinaus. Die Beschäftigung mit einem Bild im Vorfeld ist sekundär.

 

dS: Wie kann ich mir die Visualisierung eines Tones vorstellen? 

 

SM: Ich verwende oft die Beschreibung „Diese Tonalität verträgt diese Geschichte“. Oder: „Es muss eine gewisse Schwere haben“ oder „einen feinen kühlen Ton aufweisen“.

 

dS: Und dabei verbindest Du Deine Beschreibungen mit Deinem Handwerk der Fotografie? 

 

SM: Ja genau. Schlussendlich geht es mir um das Erzählen von Geschichten. Wie ich dies handhabe, mit welchem Mittel, ist mir eigentlich wie egal. Dennoch läuft es sehr oft über mein gelerntes Handwerk - der Visualisierung. Im Moment erarbeite ich ein Bühnenbild für eine Oper in Freiburg/Breisgau. Dies ist schlussendlich nichts anderes als eine Visualisierung.

 

dS: Text, Bild und Ton miteinander in einem Produkt in Verbindung zu bringen, entdeckte ich auch in einer weiteren Arbeit von Dir wieder - bei Deiner Mitwirkung im Magazin „Trip - travel, cook and eat“ in Zusammenarbeit mit Spitzenkoch Ralph Schelling.

 

SM: Das Trip-Magazin war eher ein Zufallsprodukt. Mir würde es nicht in den Sinn kommen, lediglich ein Kochmagazin herauszugeben. Auch Food-Fotografie interessiert mich per se nicht. Vielmehr sind Essen und Trinken wunderbare Transportmittel für Geschichten. 

 

dS: Die Kulinarik liefert Dir wundervolle Geschichten?

 

SM: Genau. Zusammengefasst komme ich über die Kulinarik an Geschichten heran, an welche ich sonst nur schwierig gelange.

In arabischen Ländern zum Beispiel gibt es ganz wenige Themen, über welche du leicht und direkt diskutieren kannst. Was aber immer geht, ist der Austausch rund ums Essen. Beim Essen wird es schnell auch persönlich. In Folge dessen kannst du auch über Themen reden, welche heikel sind.

 

dS: War dies bei Dir immer schon so?

 

SM: Zu Beginn war bei mir immer schon die Geschichte. Eine einschlägige Erfahrung aus meiner Jungend steht symbolisch für dieses Interesse. Als Jugendlicher war ich ein Jahr auf einem Weingut im Dézaley zur Mitarbeit im Weinbau. Dabei war ich oft alleine, was ich sehr genossen habe. So war ich im Winter alleine in den Steinhängen des Genfersees. Jeweils am Samstag nach Beendigung meines Arbeitspensums – notabene 60h pro Woche – stellte ich mich an den Strassenrad und fuhr per Anhalter nach Lausanne. Dabei habe ich angefangen, bei Leuten, welche mich mitnahmen, Geschichten zu erfinden und entsprechend zu verändern. Dieses Erfahren und Ausprobieren von Geschichtenerzählen prägten mein Interesse und Handwerk.

 

dS: Wie setzt/bindest Du Emotionen in Deine Arbeit ein?

 

SM: Meine Arbeit ist ganz klar emotional (an-)geleitet. Ein aktuelles Beispiel: Ich habe die Weinkarte verfasst, des von mir - in Zusammenarbeit mit Mario Waldispühl - übernommenen Lokals Jazzkantine in Luzern. Ich beschreibe jeden Wein mit einem Dreizeiler.Dabei skizziere ich jedoch den Wein nicht aus önologischen Aspekten. Ich erzähle vielmehr eine Geschichte über den Wein, des Winzers, seiner Herkunft und wenn dich diese interessiert und emotional anspricht, kannst du selber deine Erfahrungen beim Erproben machen. 

 

dS: Wie bedeutsam ist es Dir, mit und durch Deine Geschichten verstanden zu werden?

 

SM: Eine gemeinsame Sprache zu finden, empfinde ich höchst spannend. Es geht um das Sich-Finden, nicht um das Manifestieren. Das Manifestieren ist wie ein Druckmittel. Es entsteht ein Machtgefälle mit denjenigen, welche der Sprache mächtig sind und jenen, welche es nicht sind. Es gilt also eine Lösung zu finden, bei welcher alle auf gleicher Augenhöhe miteinander reden können. Und dies kann auf einer emotionalen Ebene gut funktionieren. Vielleicht geht es generell um Vereinfachung oder darum, Fragen zu stellen, bei welchen insbesondere Erinnerungen aktiviert werden. Das gemeinsame Entwickeln einer Sprache gefällt mir sehr.

 

dS: Mich berührt Deine ganzheitliche Betrachtungsweise, Deine Sorgfalt und die Fähigkeit wie Fertigkeit, vieles miteinander in Verbindung zu bringen. Vielen Dank Sylvan für den Einblick in Deine Geschichte.