Der Stadtsensor trifft auf Dr. Reinhard K. Sprenger

dS: Für mich als Stadtsensor stellt die Sensorik eine essenzielle Quelle für analoge und digitale Transformation dar. Was bedeutet für Sie Sensorik, Herr Sprenger?

 

RS: Bis vor wenigen Jahren hätte ich darunter die Gesamtheit meiner Sinne als Mensch verstanden. Durchaus in der Nähe dessen, was modisch unter Achtsamkeit verstanden wird. Die seitdem anschwellende Welle der Dauerbeleidigten macht daraus einen Leid-Begriff, der an der Außengrenze menschlicher Existenz offenbar nichts anderes mehr erlebt als Verletzung und Übergriffigkeit. Sensorik ist heute der Motor des Anerkennungsgeschwurbels von Opfer-Gruppen.

 

dS: Mit welchen Wandlungen/Entwicklungen befassen Sie sich gerade beruflich?

 

RS: Ich beschäftige mich gerade mit der zunehmenden Moralisierung der Wirtschaft. Mit dem Predigen, Entmündigen, Menschenumkrempeln. Und damit der zunehmenden Unfähigkeit, Sichtweisen zu akzeptieren, die von der vorgeblich überlegenen ökodiversitären Moralisierung abweichen. Vorangetrieben von humorlos-entschlossenen Menschenbeglückern, die es nicht lassen können, sich angesichts menschlicher Unvollkommenheit in engstirnige Optimierungsprogramme zu verrennen. Jeder betont opferrituell seine persönliche Besonderheit, die Differenz. Damit beginnt der Ärger. Denn dann sind die „Differenzen“ nicht weit. Nur ein kleiner Schritt. Zunächst als Alltagsärger beginnend, der sich zum Alltagshass steigern kann. Das Feuerchen des spielerischen Anstoßnehmens ist leicht entzündbar, lodert dann auf und wird zum Lauffeuer. Vorbei ist es mit dem Verbindenden. Und so werden viele ehemals fortschrittliche Bewegungen genauso rigide und autoritär, wie die Institutionen, gegen die sie opponieren. Alle wertetrunkenen Glaubensbekenntnisse bedeuten Krieg. Dabei hätte doch gerade die Wirtschaft mit ihrer Gleich-Gültigkeit unendlich friedensstiftende Potenziale.

 

dS: Wenn Sie Ihre Ausführungen vertonen, wie würde es sich anhören?

 

RS: Ich mache Noten gern aus Nöten. Deshalb bevorzuge ich Moll. Da der Pianist meiner Band aber eine Professur für Jazzpiano hat, klingt das selten nach reinem Moll, sondern immer irgendwie „dazwischen“. Insgesamt ein entspannt-spannender Country-Folk, eben mit Jazz-Anteilen. Ohne Schlagzeug, damit man die Worte gut verstehen kann. Textlich geht es um Werte, die mir wichtig sind: Vom Müssen zum Können, vom Sollen zum Wollen. Vor allem um Freiheit, an der keiner vorbei kommt. Letztlich geht es mir darum, Schönheit zu erzeugen. Was sonst?

 

dS: Das «dazwischen» höre ich und nehme es entsprechend als Inspirationsanstoss für meinen eigenen Dialog wahr. Die Freiheit als «Sehnsuchts-Benzin» für den Motor meiner angestrebten Entwicklungskraft. Wie gelingt es Ihnen, das Können und Wollen im Spannungsfeld der Polarität «Vernunft und Freiheit» umzusetzen?

 

RS: Vernunft und Freiheit stehen für mich nicht in Spannung. Im Gegenteil: Freiheit ist Vernunft. Wobei ich unter Freiheit eine negative Freiheit meine, als Abwesenheit von Zwang – was immer nur eine relative Freiheit innerhalb von Grenzen bedeutet. Letztlich ist Freiheit die Wahl meiner Abhängigkeit. Diese Abhängigkeit kann ich wiederum durch mein Können und Wollen beeinflussen. Dazu sagt mir meine Praxis, dass das Wollen zu weiten Teilen eine Konsequenz des Könnens ist. Nicht umgekehrt. Was den Vorrang des Könnens vor dem Wollen behauptet. Wenn sich zum Talent dann noch Disziplin und Hingabe fügen, kann das Ergebnis hinreissend sein.

 

dS: Kann in Ihrem Verständnis uns die Hingabe von bestehenden Grenzen, limitierenden Gedanken und Glauben befreien? Verorten Sie in der „Hingabe“ auch Grundkonzeptionen/-annahmen rund um das Selbst (Selbstbestimmung/-bewusstsein/-vertrauen) und Demut?

 

RS: Nein, Hingabe ist Vertiefung, ist vertikal. Befreiung von limitierenden Gedanken und Glaubensätzen ist horizontal, ist Grenzüberschreitung, Arbeit gegen den Widerstand, ist Dialog. Das geschieht, wenn ich den anderen als Anderen wirklich besuche, neugierig bin, gierig auf Neues bin. Dann integriere ich die Alternative, den Widerspruch, die Ambivalenz. Nur das ist der Weg in die Vollständigkeit. Zwei sich widersprechende Gedanken als gleich-gültig zu akzeptieren.

 

dS: Gibt es nebst der vertikalen und horizontalen Orientierung/Zuordnung auch noch andere Dimensionen?

 

RSDie mag es geben, selbst wenn wir von esoterischen Geschwurbeln absehen. Aber sie sind mir jetzt nicht wichtig. Mich beschäftigt mehr, wie eine Gesellschaft sich beharrlich weigert, erwachsen zu werden. Dass sie lieber in Stämmen, Unterstämmen und digitalen Echokammern sich abschottet, ohne einen Blick nach draußen zu werfen. Auf die andere Seite. Das ist für mich Horizontalignoranz.

 

dS: Für mich ist die Zugehörigkeit, das sich Organisieren in Stämmen/Gruppen, ein zentral menschliches/archaisches Bedürfnis. Haben Sie eine Empfehlung, wie man die digitalisierte Welt übergeordnet und verbindend nutzen kann? Nutzen, im Sinne einer Integration ohne ihr hörig zu werden?

 

RS: Nein, habe ich nicht. Ich glaube nur, dass sowohl die staatsanaloge Stärkung der EU ein Irrweg ist wie kosmopolitische Identitätsangebote, die von Weltbürgerschaft träumt. Diese Konzepte sind anthropologisch naiv, weil zu groß. Menschen leben und arbeiten nicht im Großen, sondern in Nachbarschaften. Ebenso sind Ganz-oder-gar-nicht-Ideen unterkomplex und nicht geeignet, den vielfältigen Herausforderungen der digitalen Moderne gerecht zu werden. Ich kann mir nur einen klugen Mix aus regionalen und überregionalen Zuständigkeiten vorstellen – aber dessen Konkretion überdehnt meine Kompetenz.

 

dS: Abschliessende, resümierende und oft wiederholende Worte erübrigen sich nach so klaren, zur Reflexion einladenden, Gedanken. Haben Sie noch eine Botschaft an die Leserschaft Herr Sprenger?

 

RS: Ja: Wehren Sie sich gegen den Spaltpilz, der sich in westlichen Gesellschaften ausbreitet: Moralisierung. Führungskräften der Wirtschaft ruft man zu: „Du musst wachsen und profitabel sein, aber vor allem musst du korrekt sein! Diversity! Compliance!“ Unternehmen bekennen sich öffentlich zu „Werten“, gründen sich neu als Umweltschutzbünde. Multinationale Konzerne besetzen ihre obersten Leitungsgremien nicht mehr nach Leistung, sondern nach ethnischen Prinzipien oder Geschlecht. Aus Angst vor der Rassismuskeule wagen es europäische oder amerikanische Chefs nicht, afrikanischen Kollegen professionelle Mängel vorzuwerfen. In den USA werde ich an der Kasse gefragt, ob ich das Wechselgeld für einen „guten Zweck“ spenden wolle. Auch der edle Millionen-Spender hat offenbar ein schlechtes Gewissen, weil er „der Gesellschaft etwas zurückgeben“ will. Hat er denn was gestohlen? Und VW-Mitarbeiter bekommen einen Moral-Katalog an die Hand, der sie zum anständigen Handeln anhalten soll. Öffnen wir die Linse, dann werden Gedichte übermalt, Bilder und Kruzifixe abgehängt, Bücher indexiert, Strassen umbenannt und Denkmäler entfernt, die Sprache gesäubert, ein Professor von universitären Verwaltungsämtern entbunden, weil er die Anmut von Studentinnen (darunter seiner Tochter) pries, Schauspieler aus Filmen herausgeschnitten, die sexistischer Handlungen verdächtig sind. Weg mit allem, was irritiert! Oder besser: irritieren könnte. Da ist es nicht mehr weit bis „Kauft nicht bei Juden!“ So disparat die Beobachtungen auf den ersten Blick sein mögen, gemeinsam ist ihnen Evangelikalismus, angewendet auf die jeweilige Soziosphäre. Man stürzt sich auf alles, was sich irgendwie tribunalisieren lässt. Knie nieder und bekenne, dass du ein schlechter Mensch bist! Und begeht dabei einen Kategorienfehler nach dem anderen, was man einem Philosophiestudenten schon im ersten Semester um die Ohren hauen würde. 

Meine Botschaft: Helfen Sie mit, dass die empörungsgesättigte Moralisierung aller Lebensbereiche vor einem veritablen Anti-Demokratismus Halt macht. Sonst wird sie genau zu dem, gegen das sie anrennt.

 

dS: Vielen herzlichen Dank für Ihre höchst interessanten, bereichernden Worte/Gedanken und differenzierten Ausführungen Herr Sprenger.