Willkommen beim Stadtsensor

Der Stadtsensor, Teil von Quintessenz-Qualität, stellt ein weiteres Instrument zur Erfassung und Gestaltung von Qualität dar.

 

Der Stadtsensor macht aufmerksam, sensibilisiert in der Wahrnehmung, regt die Selbstreflexion an und initiiert eine eigene, neue Wirklichkeitsbildung.

 

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Der Stadtsensor trifft Andy Tauer, Sensorikexperte & Gründer Tauer Perfumes

 

Der Stadtsensor (dS): Wo holen Sie die Inspiration für die Kreation eines neuen Duftes?

 

Andy Tauer (AT): Es ist genau umgekehrt. Ich suche die Inspiration nicht, sie kommt zu mir. Häufiger ist es, dass ich zu viele neue Ideen habe und gar nicht alle umsetzen kann. Interessant ist, dass dich diese Inspiration „out oft the blue“ übermannt, sie kann jederzeit auftreten, ohne dass man sich selber intensive Gedanken dazu machen muss.

 

dS: Wie entsteht der gefertigte Duft?

 

AT: Ganz klassisch beginnt man mit einem Duft oder einem Rohmaterial, häufig aus der Natur, und generiert dann ein Parfum darum herum. Manchmal gibt es aber auch ganz schräge Geschichten der Inspiration. Ein Beispiel dazu, welches ich schon länger umsetzen will, ist der Duft von Fliederbüschen am Strassenrand im Zusammenspiel mit den Abgasen der vorbeifahrenden Autos. Manchmal ergibt sich die Inspiration auch aus gewissen Bildern, zum Beispiel von einem Bergrücken mit einer Arve im Hintergrund, die Haare im Wind... Das sind gewisse Momente in denen es dich einfach packt. Dieser flüssige Prozess des Treibenlassens ist sehr wichtig für die Kreativität.

 

dS: Wie genau äussert sich dieser flüssige Prozess?

 

AT: Der ganze Kreativitätsprozess lässt sich sehr gut anhand der drei Aggregatszuständen von Wasser veranschaulichen. Um sich inspirieren zu lassen sollte man die eigene Kreativität treiben lassen wie flüssiges Wasser und nicht wie ein Eisblock starr auf der ersten Idee beharren. In anderen Prozessen meiner Arbeit – vor allem die logistische Komponente des Versands – ist eine klare Struktur unabdingbar, nicht jedoch bei der Inspiration und der Kreativität. Trotzdem muss man immer aufpassen, dass diese Kreativität nicht unüberschaubar und flüchtig wird und man sich im Raum verliert – wie der gasförmige Zustand des Wassers.

 

dS: Wie nehmen Sie die Wirkung ihrer Duftkreationen auf andere Leute wahr?

 

AT: Ich erhalte regelmässig Feedback von Kundinnen und Kunden die mir sagen, dass sie, seit sie einen meiner Düfte ausprobiert haben, keinen anderen Duft mehr tragen können. Dies ist grossartig und ein riesiges Kompliment. Auch hilft mein Parfum zum Teil Menschen, über ein spezielles Erlebnis hinwegzukommen. Ein Parfum kann natürlich sehr sinnlich sein und offensichtlich hilft dies gewissen Menschen als Gegenpol zu negativen Erfahrungen um die Persönlichkeit wieder etwas auszugleichen. Solche Rückmeldungen sind sehr berührend.

 

dS: Denken Sie, man kann auch in Organisationen mithilfe von Düften etwas verändern?

 

AT: Dies ist durchaus möglich. Häufig haben olfaktorische Aspekte einen grossen Einfluss auf die Mitarbeitenden, deren Wohlbefinden und schlussendlich auch Arbeitsmoral. Eine Umsetzungsidee, welche ich mir auch gut vorstellen kann, wäre, dass in grösseren Betrieben jede Abteilung einen eigenen Duft besitzen würde und man so die verschiedenen Arbeitsweisen fördern könnte. Eine andere Möglichkeit ist, vor regelmässigen Situationen wie zum Beispiel einer wöchentlichen Sitzung, mit demselben Duft zu arbeiten um eine Art Ritual einzuführen. Ich muss allerdings ganz ehrlich sagen, dass mich diese Thematik nicht besonders interessiert, mein Zugang zur Welt der Düfte ist ein wenig anders.

 

dS: Düfte haben eine starke neurologische Wirkung auf Leute – insbesondere dienen Düfte als Referenzsystem für Erinnerungen. Wie erleben Sie dies bei ihrer täglichen Arbeit?

 

AT: Ich weise häufig auf die Konditionierung der Leute hin. Wir alle sind von gewissen Düften geprägt, welche uns schon unser ganzes Leben lang begleiten und wir immer wieder erkennen und gewissen Gefühlen zuteilen.

Düfte und Gerüche rufen Erinnerungen hervor – und dies ganz anders wie beim Sehen. Der Sehsinn ist der Sinn, welcher uns am meisten täuscht obwohl wir uns am meisten auf ihn verlassen. Der Geruchsinn hingegen ist der, auf den wir uns am wenigsten verlassen, welcher uns jedoch am wenigsten täuscht. Trotzdem hat der Geruchsinn ein ganz schlechtes Image.

 

dS: Wie meinen Sie das? Parfums haben ja eine sehr exklusive, luxuriöse Konnotation.

 

AT: Das stimmt. Trotzdem hat der Geruchsinn ein schlechtes Image. Wenn man Früchte und Gemüse im Offenverkauf einkauft, überprüfen viele Leute mithilfe des Seh- und des Tastsinns die Waren, doch auffallend wenige riechen auch aktiv daran. Wieso ist dies der Fall? Ein Pfirsich sollte primär gut schmecken, doch dies kann man ebenso mithilfe von riechen überprüfen, wie auch durch Fühlen und Ansehen. Ich ernte immer noch verwunderte Blicke, wenn ich an einer Paprika rieche und diese wieder zurücklege, weil sie nach nichts riecht.

Der Geruchsinn funktioniert anders. Der Reiz kommt und ist dann ohne Prozessierung da. Champignons. Feuer. Rauch. Was auch immer. Unmittelbar und unverfälscht.

 

dS: Was geschieht, wenn wir einen Duft wahrnehmen, der uns unbekannt ist und nicht in unserem Referenzsystem abgespeichert ist?

 

AT: Wenn ich theoretisch ein Parfum kreieren würde, das aus lauter Düften besteht, welche noch nie jemand gerochen hat, dann wäre dies ein Riesenflop. Leute, die Parfums lieben und kennen, benötigen ein Koordinatensystem. Trotzdem werden immer wieder neue Parfums kreiert, die es noch nie gegeben hat. Wichtig dabei ist, dass bei neuen Kreationen und gewagten Duftkombinationen immer ein Pflock dabei ist, welcher durchs Parfum hindurchsticht und die Leute kennen. Dies muss nicht eine dominante Note sein, sondern einfach nur vorhanden sein, damit die Leute dies einordnen können und sich wohlfühlen.

 

dS: Sind Düfte und deren Kreationen und Kombinationen lernbar?

 

AT: Wenn man Düfte kreieren will, muss man nicht eine unglaublich gute Nase haben und wie ein Hund alle Moleküle riechen. Was wichtig ist, ist das Training des Grosshirns. Man muss lernen zu riechen und die gerochenen Düfte einzuordnen und herunterzubrechen. Auch hilft, jedem Geruch ein Bild zuzuordnen. Dies gelingt nur, wenn man immer wieder riecht und trainiert, sich Notizen macht und die Gerüche beschreibt. Dieser ganze Prozess ist beim Malen und bei der Musik sehr ähnlich.

 

dS: Wie hat sich die Welt der Düfte über die Zeit verändert?

 

AT: Früher war der Geruchsinn der Menschen für deren Überleben wichtiger als heute. Durch Hilfsmittel wie zum Beispiel das Ablaufdatum auf einem Joghurt wurde uns, zu einem gewissen Grad, auch die Eigenverantwortung durch Riechen genommen. Sobald ein Nahrungsmittel das Ablaufdatum überschritten hat, wird es weggeworfen – egal ob es noch essbar ist oder nicht. In einem solchen Fall könnte uns unser Geruchsinn durchaus weiterhelfen.

Auch leben wir heute in einer sehr deodorisierten Welt, völlig unnatürlich. In unseren Städten und Räumen riecht es nicht mehr nach Exkrementen und Natur. Dies ist zum einen ein Zeichen unseres Fortschritts und Wohlstandes, trotzdem denke ich, dass wir dadurch etwas verpassen.

 

dS: Was verbindet Qualität und Düfte?

 

AT: Gewisse Parfums sind von einem kompositorischen Standpunkt her gut gemacht. Trotzdem können diese Parfums langweilig und belanglos wirken. Die Beurteilung der Qualität eines Parfums liegt also auch immer im Auge des Betrachters und unterscheidet sich von Mensch zu Mensch.

 

dS: Vielen Dank für diesen inspirierenden Dialog.

 

Und Ihr, liebe Leser, welchen Stellenwert besitzen Düfte für Euch?

 

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