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Der Stadtsensor trifft Sjur Vestli, Roboterexperte & Mitbesitzer Anronaut GmbH

 

Der Stadtsensor (dS): In unserer Gesellschaft herrscht eine allgemeine Angst, dass wir Menschen durch die Automatisierung überflüssig werden. Ist diese Angst berechtigt?

 

Sjur Vestli (SV): Diese Angst ist durchaus berechtigt, doch es wird nicht das erste Mal in der Geschichte der Fall sein, dass Maschinen unsere Jobs übernehmen. Trotzdem werden wir Menschen nicht überflüssig. Erst, wenn Roboter andere Roboter warten und reparieren können, muss niemand mehr arbeiten. Maschinen würden nur bei der Anschaffung etwas kosten, die Arbeit selber ist später kostenlos und Menschen müssten für nichts mehr bezahlen. Diese Entwicklung würde jedoch zum Zusammenbruch unseres heutigen Wirtschaftssystems führen, was ich für eine Utopie halte.

 

dS: War nicht die gescheiterte Initiative „Bedingungsloses Grundeinkommen“ ein Schritt in genau diese Richtung? Menschen müssen aufgrund der Automatisierung nicht mehr arbeiten und erhalten Geld vom Staat.

 

SV: Nur weil etwas kostenlos zur Verfügung steht, heisst dies noch lange nicht, dass es dies auch unendlich zur Verfügung hat. Ressourcen auf der Erde sind begrenzt und werden knapp werden. Man müsste die Anzahl Menschen auf der Erde begrenzen, um dieser Problematik Herr zu werden. Auch hat diese Thematik nicht ausschliesslich mit der Automatisierung zu tun und muss auch ohne Automatisierung gelöst werden. Trotzdem denke ich, dass dieser Sachverhalt nicht realistisch ist – wir werden nie alles automatisieren können.

 

dS: Glauben Sie, dass die Intelligenz von Computern mithilfe von Deep Learning so weit vorangetrieben werden kann, dass sie sich von alleine erhalten kann und wir Menschen die Kontrolle über die künstliche Intelligenz somit verlieren werden?

 

SV: Als erstes müsste man für solche Theorien definieren, was Intelligenz überhaupt ist. Dies ist jedoch sehr schwierig und umstritten. Trotzdem glaube ich, dass uns die künstliche Intelligenz nur dann überholen kann, wenn wir dies zulassen und bewusst sagen: „Ja, wir wollen Maschinen, die intelligenter sind als wir“. Von diesem Schritt sind wir jedoch noch weit entfernt. Es gibt heute schon sehr prominente Beispiele von Schachcomputern die besser sind als Menschen, doch diese Computer haben nichts mit künstlicher Intelligenz zu tun, sie sind einfach unglaublich schnelle Rechner die alle erdenklichen Möglichkeiten aus Datensätzen heraussuchen können. Dies führt wiederum zur Definitionsfrage der Intelligenz, unter welcher ich persönlich nicht nur schnelles Rechnen verstehe. Ein Beispiel für eine Definition der Intelligenz ist ja der bekannte Turing-Test. Auch dieser reicht meiner Meinung nach jedoch nicht aus, um Intelligenz von Maschinen zu bestimmen.

 

dS: Wie wird Ihrer Meinung nach die Zukunft des Bildungswesens aussehen? Muss der Arbeitnehmer der Zukunft fundierte Mathematik- und Informatikkenntnisse mitbringen oder werden sich zukünftige Generationen auf eine Handvoll Experten dieses Feldes verlassen und selber Berufen nachgehen, welche sich nicht durch den Roboter wegrationalisieren lassen?

 

SV: Ich denke, dass genau das der Fall sein wird – wobei wahrscheinlich nicht mal mehr die Mathematiker und Informatiker benötigt werden. Wenn Maschinen wirklich intelligenter sind als Menschen, können sie noch bessere und intelligentere Maschinen selber bauen und entwickeln. Es braucht also gar keine Menschen mehr.

 

dS: Von was für einem Zeithorizont gehen sie in etwa aus?

 

SV: Ich weiss nicht, ob dies jemals machbar sein wird. Es gibt sehr starke Argumente dagegen, wonach wir Menschen gar nicht in der Lage sind, etwas zu entwickeln das unsere Intelligenz übersteigt.

 

dS: Ist denn nicht genau das schon in gewissen Aspekten des Lebens, wie zum Beispiel mit Schach- oder Go-Computern der Fall?

 

SV: Bei solchen Computern finde ich Poker als Messwert künstlicher Intelligenz viel spannender. Beim Schach zum Beispiel hat der Computer nicht viel mit Intelligenz zu tun, er kann einfach unglaublich viel schneller Rechnen als ein Mensch. Die gesamte Digitalität und dessen Entwicklung wird ohne Zweifel noch viel schneller werden, aber ob man jemals die Schwelle zur künstlichen Intelligenz überschreiten kann – und niemand weiss ob es diese Schwelle überhaupt gibt und wo sie liegt – bezweifle ich.

 

dS: Maschinen werden ja auch nicht nur schneller, sondern können auch viel mehr genauere Daten speichern und darauf zurückgreifen. Werden sie irgendwann anhand dieser Unmenge an Daten bessere Entscheidungen treffen können als der Mensch?

 

SV: Maschinen lernen anhand von grossen Datensätzen, was sie machen müssen, damit am Ende das „Richtige“ herauskommt. Dies tun sie jedoch ohne das Problem zu verstehen. Ich glaube immer noch, dass es besser ist das Problem zu verstehen als es nur einfach zu lösen. Dies wird auch eine wichtige Stärke der Menschen der Zukunft sein. Maschinen haben nicht die gleichen analytische Fähigkeiten wie wir Menschen und werden dies auch nie haben. Zusammen mit Fantasie, Kreativität und Neugierde bildet dies somit die wichtigsten Fähigkeiten der Menschen, heute wie auch in der Zukunft.

 

dS: Um noch weiter auf diese „Soft Skills“ einzugehen, wie stehen Sie zur Intuition?

 

SV: Viele Entscheidungen werden von Menschen nicht rational und datenbasiert gefällt, sondern intuitiv. Maschinen haben in dem Sinn keine Intuition, sie fällen Entscheide aufgrund von Erfahrungswerten und Daten mit denen sie gefüttert werden. Daher können uns Maschinen auch bei solchen intuitiven Entscheidungen bisher nicht weiterhelfen.

 

dS: Macht denn das Leben überhaupt noch Spass, wenn alles digitalisiert ist?

 

SV: Ich glaube schon. Bis anhin wurde die Digitalität als Unterstützung und Vereinfachung unseres Lebens gebraucht. Wenn überhaupt, wird noch sehr viel Zeit vergehen, bis uns Maschinen in allen Bereichen ersetzen werden und uns so den Spass am Leben nehmen.

 

dS: Man spricht ja immer wieder von der Schnelllebigkeit der Digitalität. Wie hat sich das Feld der Robotik in den letzten 40 Jahren entwickelt?

 

SV: Das lustige ist, dass seit dem ersten mobilen Roboter in den 1970er Jahren, nicht mehr viel Neues dazugekommen ist. Die Erkenntnisse der Entwickler dieses Roboters weisen heute noch eine hohe wissenschaftliche Relevanz auf und werden noch immer viel zitiert. Eigentlich hat sich nichts geändert, es ist einfach alles sehr viel schneller geworden. Die meisten heute noch entscheidenden Papers sind in den 80er Jahren geschrieben worden. Hier ist es ähnlich wie bei der Erfindung des Rades. Die Physik und Mathematik hinter dieser Erfindung ist heute noch genau gleich wie zu Beginn.

 

 

Der Stadtsensor bedankt sich bei Sjur Vestli für diesen offenen und direkten Austausch.

Und Ihr liebe Leser? Wie steht Ihr zur künstlichen Intelligenz und der Digitalität? Könnt Ihr euer Leben noch immer analog geniessen?

 

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